Interview
Was
ist an jenem Oktobertag vorgefallen?
Ich
habe meine neue Wohnung renoviert. Dazu gehörte auch
das Abschleifen des Holzfußbodens. Als ich mich
mit der schweren Schleifmaschine nach unten bückte
wurde mir schwindelig. Ich wurde plötzlich ganz müde
und konnte meinen linken Arm und mein linkes Bein nicht
mehr bewegen. Ich musste mich hinsetzen und an die Wand
lehnen und verstand nicht was geschehen war. Den Arzt
konnte ich noch herbeiholen und der hatte auch gleich
den richtigen Verdacht: Schlaganfall.
Kam
der Schlaganfall überraschend für Sie?
Absolut.
Ich wusste zwar, dass Schlaganfälle auch jüngere
Menschen haben können. Ich habe als Zivildienstleistender
im Krankenhaus gearbeitet und ein oder zwei Fälle
mitbekommen. Darunter war seltsamer Weise auch eine Bekannte,
aber nie habe ich einen Gedanken daran verschwendet, dass
es mich treffen könnte. Dabei, wenn ich es mir recht
überlege, war mein alltäglicher Stresspegel
schon sehr hoch. Meine Branche ist eine schnelllebige
und ereignisreiche Zunft. In ein Projekt werden viele
Stunden am Stück rein gesteckt und gejobbt habe ich
zusätzlich, mal hier und da, um den Lebensunterhalt
bestreiten zu können. Ich war sehr viel außerhalb
meiner gemütlichen Wände und das war normal
für mich. Und dann habe ich meine eigene Firma gegründet
und alles wurde noch dreimal schneller und ernster. Sicher
sind dies Bedingungen, die einen Schlaganfall geradezu
heraufbeschwören. Auch in meiner Freizeit war ich
nicht langsam und phlegmatisch. Aktivitäten gehörten
klar dazu, es waren sicher zu viele.
Was
geschah dann?
Ich
wurde in ein Akutkrankenhaus gebracht und für 2 Wochen
in ein künstliches Koma versetzt. Ich wurde in der
Zeit am Kopf operiert. Der Hirndruck musste abgelassen
und die Verstopfung der Schlagader mit Gewebe beseitigt
werden.
Insgesamt lag ich 4 Wochen im Krankenhaus.
Sind
Sie dann in eine Rehabilitationsklinik eingewiesen worden?
Ja,
das bin ich - in die Berlin Klinik (Havelhöhe). Nach
2 Monaten hatte ich mich soweit gerappelt, dass ich wusste,
was passiert war und ich mich verändert hatte. Ich
saß im Rollstuhl und konnte einige wenige Bedürfnisse
allein verrichten wie den Toilettengang, Essen und Anziehen.
Aber viel mehr konnte ich noch nicht. Die Krankenkasse
schlug mir dann vor in eine Tagesklinik zu überwechseln
und einen Pflegedienst zu nutzen. Aber wie sollte ich
in meine Wohnung in den 5. Stock gelangen? Wie sollte
ich einkaufen, wie kochen, wie Rechungen bezahlen und
die Öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Ich war
halbseitig gelähmt. Außerdem litt ich an einer
ausgeprägten Störung der Raumorientierung, hatte
Gedächtnisstörungen und Stimmungsschwankungen.
Eine Selbstorganisation im Sinne einer Tagesklinik wäre
ganz unmöglich für mich gewesen.
Ich bin dann noch 4 Monaten in der Rehabilitationsklinik
geblieben und habe dort das umfangreiche Therapieangebot
genutzt, um meine Fähigkeiten weiter aufzubauen.
Hier ging es vor allem um den Aufbau meiner körperlichen
Fähigkeiten.
Wollten
Sie denn nach Hause?
Ja,
unbedingt, aber nicht zu meinen Eltern ins Hessische und
eine so umfassende Versorgung und Betreuung, wie ich sie
zum damaligen Zeitpunkt nötig hatte, konnte ich meiner
berufstätigen Freundin einfach nicht zumuten. Sie
hätte ihren Job aufgeben müssen und wovon hätte
sie dann leben sollen? Außerdem wollte ich es allein
schaffen oder besser gesagt, ist dieser Schlaganfall ja
meine Angelegenheit. Man kann einen kranken aber erwachsenen
Menschen im Falle der akuten Krankheit nicht wieder zu
einem Kind umdefinieren.
Wie
ging es weiter?
Durch
einen glücklichen Umstand erhielt ich den Tipp von
einem Arzt an meine Erstrehabilitation noch eine Langzeitrehabilitation
anzuhängen mit dem Ziel weiter mobilisiert und verselbständigt
zu werden. Der Gedanke an eine solche Möglichkeit
erleichterte mich, denn jede Form der Alleinversorgung
hätte mich zum damaligen Zeitpunkt kolossal überfordert.
Ich ging dem Hinweis nach und fand das Fürst Donnersmarck-Haus.
Wann
wurden Sie bei uns aufgenommen?
Ich
wurde am 22.3.2004 im Befristeten Wohnen des Fürst
Donnersmarck-Hauses aufgenommen. Ich wohnte mit anderen
jungen Männern und zwei Frauen auf einer Gruppe.
Es war zunächst gut für mich, Menschen zu treffen,
die Ähnliches erfahren hatten wie ich.
Mein Rehabilitationspotential wurde als gut eingeschätzt,
wichtige Rehabilitationsziele waren: das Laufen weiter
zu verbessern und das selbständige Leben - soll heißen
häusliche Selbständigkeit - wiederzuerlangen.
Der Behandlungsschwerpunkt in der Krankengymnastik war
die Verbesserung meiner Körperwahrnehmung links.
Ich litt auch unter starken Konzentrationsstörungen
und Gedächtnisproblemen. Ich erhielt entsprechend
neuropsychologische Behandlung. Des Weiteren Ergotherapie,
wo besonders die Fertigkeiten meines linken Arms trainiert
wurden und einmal die Woche ein Bewegungsbad.
Wie
trainierten Sie ihre alltagsorientierten Kompetenzen?
Durch
das tun. Erst genoss ich Vollverpflegung. Nach einem 14-tägigen
Einkaufstraining war ich zunehmend in der Lage selbst
einkaufen zu gehen. Während des Trainings war es
immer sehr unterstützend, dass ich nicht zu 100%
erfolgreich sein musste. Hätte ich es nicht geschafft,
so wäre für mich trotzdem gesorgt gewesen und
das war manches Mal auch nötig. Die Verselbständigung
war wirklich ein Hochseilakt, aber mit guten Trainern
und einem schützenden Netz. Die Verselbständigung
im intellektuellen Sinne machte mir nicht so große
Probleme wie die körperliche Verselbständigung.
Es ist schwer zu beschreiben, wie es ist, in einem neuen
Körper leben zu lernen. Mit meinem war es unglaublich
mühselig ein Essen für mich zu kochen. Nur mit
einer Hand und vielen Hilfsmitteln Gemüse putzen
ist wirklich eine anstrengende und manches Mal kaum zu
bewältigende Aufgabe. Nicht selten verließ
mich die Geduld und blockierende Stimmungen ergriffen
mich. Aber nie lange, hier im Fürst Donnersmarck-Haus
achtete man auf mich, ich wurde immer dazu angehalten
nicht aufzugeben und mich den Realitäten zu stellen.
Das war richtig so, denn sonst würde ich nicht in
zwei Wochen in eine eigene behindertengerechte Wohnung
ziehen, dessen bin ich mir sicher.
Wie
lange waren Sie jetzt bei uns und was haben Sie hier gelernt?
Ich
war jetzt zwei Jahre im Fürst Donnersmarck-Haus und
habe gelernt mich selbst zu organisieren, zu pflegen und
zu kommunizieren. Die Individuelle Basisversorgung war
der erste Schritt (Ernährung, Körperpflege,
Hygiene). Ich habe dann gelernt Ordnung im Alltag zu halten
und mit Zeit und Geld vernünftig umzugehen. Für
alle lebenspraktischen Belange habe ich jetzt Handgriffe
und eine Strategie parat. So bin ich nicht mehr so überfordert,
wenn Anforderungen an mich gestellte werden. Außerdem
arbeite ich seit einiger Zeit wieder am Computer, was
mich ganz besonders freut. Ich schreibe vorwiegend mit
rechts, aber allmählich kann ich auch die linke Hand
wieder einsetzen.
Vor einem halben Jahr habe ich ein Praktikum in einer
Agentur für Digitale Medien absolviert. Das Fürst
Donnersmarck-Haus half mir ein solches Praktikum zu finden
und zu organisieren. Ich musste pünktlich aufstehen,
mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt
fahren, um dann Datenbanksysteme zu pflegen. Das war eine
große Herausforderung für mich und ich habe
gemerkt, dass ich einem so geregelten Arbeitsalltag nicht
gewachsen bin. Dabei habe ich nicht mehr als 3 Stunden
täglich gearbeitet, nach einer Stunde wurde ich oft
schon sehr müde und fahrig und nach drei Stunden
fühlte ich mich als hätte ich einen Marathon
hinter mir. Und dann noch die Rückfahrt und der tägliche
Einkauf
Meine Grenzen wurden mir ganz klar vor
Augen geführt. Ich war noch nicht so weit für
eine geregelte Arbeit.
Sie
ziehen in zwei Wochen aus dem Fürst Donnersmarck-Haus
aus und leben, die neue Situation bereits simulierend,
in einem Trainingsapartment. Wie erleben Sie diese Probe?
Der
Bezug des Apartments ist eine gute Vorbereitung auf das
Leben außerhalb der schützenden Einrichtung.
Ich werde mit den Bedingungen des selbständigen Lebens
konfrontiert und kann mich testen. Mir wird immer wieder
klar, wie wichtig eine Struktur ist und wie viel Zeit
ich für die einzelnen Aktivitäten benötige.
Außerdem wird mein Sozialleben von mir anders angegangen.
Ich lade Menschen ein und treffe sie nicht einfach auf
dem Gang. Man kann in einer Wohnung für sich allein
her leben, aber das ist nicht schön. Um dies zu vermeiden
muss man aktiv werden, sich interessieren, Beziehungen
pflegen.
Haben
Sie eine partnerschaftliche Beziehung?
Ich
habe noch immer sehr engen Kontakt zu meiner ehemaligen
Lebensgefährtin, aber als Paar begreife ich uns nicht
mehr. Auf der körperlichen Ebene gibt es viele Probleme.
Da sind Bilder im Kopf bei ihr und mir und wir haben Angst
vor plötzlich eintretenden körperlichen Ausfällen.
Wenn man einen geliebten Menschen einmal so krank gesehen
hat, dann verändern sich das Bild und die Einstellung
zu ihm. Für eine lange Zeit war ich ein Schutzbefohlener.
Auch heute bin ich nicht mehr der Alte und werde es wohl
auch nicht mehr werden. Da ich seit zwei Jahren auch Epileptiker
bin, spiele ich meine Klarinette nicht mehr, kann nicht
mehr Auto fahren und mache auch keinen Wassersport mehr.
Das waren Aktivitäten die vor meinem Schlaganfall
zu mir gehörten, mich auch ausmachten. Und nun fehlt
dieser Teil des Lebens mir und ihr auch.
Wie
gehen Sie damit um?
Ich
habe neue Prioritäten in meinem Leben gesetzt. Ganz
wichtig ist mir, dass ich in meinen 4 Wänden auf
Unterstützung verzichten kann. Gerne würde ich
bald eine berufliche Tätigkeit aufnehmen, die meinem
intellektuellen Niveau entspricht. Wenn ich mich in meiner
neuen Wohnung und Umgebung eingelebt habe werde ich diesen
Punkt angehen. Ansonsten mag ich gerne kochen, ins Kino
gehen und natürlich meinen neuen und schnellen Computer.
Er ist ein gutes Tor zur Welt für mich. Vielleicht
kommen in den nächsten Jahren neue Interessen dazu,
wenn meine Selbständigkeit in Fleisch und Blut übergegangen
ist.
Ich danke sehr für diese offene Unterhaltung.
Ich
auch und ich hoffe, dass mein Erleben anderen Menschen
hilft.
Interview
(gekürzt), geführt von Maren Müller